Call for Papers: AStA-Zeitung 3/2026 »Wohnen«
Wer in Frankfurt studiert, kennt das Gefühl: Man schickt dutzende Bewerbungen ab und liegt bei diversen „WG-Castings“ im Wettkampf mit hundert anderen; man wartet wochenlang und zahlt am Ende mehr als die Hälfte des BAföG-Satzes für ein Zimmer, das kaum groß genug ist, um darin aufrecht zu stehen. Oder man pendelt von weit draußen, weil sich das Wohnen in der Stadt schlicht nicht mehr rechnet. Oder man wohnt noch bei den Eltern, weil es keine Alternative gibt. Das ist kein individuelles Pech, keine Frage mangelnder Kreativität bei der Wohnungssuche – das ist Ausdruck einer strukturellen Krise, die längst den Alltag von Millionen Menschen bestimmt.
Hinter dieser strukturellen Krise steckt ein grundlegender Widerspruch: Wohnen ist ein Grundbedürfnis – und zugleich eine Ware. Ein Dach über dem Kopf ist keine Luxusfrage, sondern Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, für Gesundheit, für die Möglichkeit zu studieren, zu arbeiten, ein Leben zu führen. Und doch wird Wohnraum auf dem Markt gehandelt wie jedes andere Gut, dessen Preis sich nach Angebot und Nachfrage richtet – oder genauer: nach dem, was Investor*innen aus ihm herausholen können. Politisch wird der lange bekannte Handlungsbedarf nicht umgesetzt, selbst wenn, wie in Berlin, Volksabstimmungen zu „Deutsche Wohnen und Co. Enteignen“ deutliche Mehrheiten erlangt hat.
Besonders absurd wirkt die Krise dort, wo sie mit Leerstand zusammenfällt. Bis zu zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen in Frankfurt leer. Teilweise lassen Eigentümer*innen ihre Objekte leer stehen und spekulieren darauf, dass sich aufgrund dieser künstlichen Verkleinerung des Angebots auf dem Wohnungsmarkt der Druck auf Mieter*innen erhöht und sie zukünftig höhere Preise verlangen und ihre Gewinne maximieren können. Und das während Studierende monatelang nach einem WG-Zimmer suchen und aufgrund der steigenden Mieten immer weniger Geld für Lebensmittel und soziale Teilhabe zur Verfügung haben.
Auch das Studierendenwerk stellt bei weitem nicht genug Wohnheimplätze bereit, um den Bedarf an Wohnraum unter Studierenden auch nur annähernd zu decken. Wer trotzdem etwas findet, stößt zunehmend auf möblierte Angebote: ein Bett, ein Schreibtisch, ein Regal – und ein Mietpreis weit jenseits dessen, was die Mietpreisbremse eigentlich erlauben würde. Denn für möblierte Wohnungen gilt sie nicht. Was als Ausnahme gedacht war, ist längst zu einer Strategie geworden, mit der Vermieter*innen das ohnehin löchrige Mietrecht systematisch aushebeln. WG-Zimmer an Studierende zu vermieten wird so zu einem profitablen Geschäftsmodell: professionelle Anbieter haben den Markt längst entdeckt und treiben die Preise in einem Segment in die Höhe, das einmal als informelle, solidarische Wohnform gedacht war. Statt strukturelle Lösungen zu finden, appelliert beispielsweise die Goethe Universität an die Bewohner*innen Frankfurts, doch möglichst ein Zimmer zur Untermiete anzubieten. Solidarische Bettenbörsen sind unlängst als selbstverständlich eingepreist und keine Notlösung mehr.
»In Wirklichkeit hat die Bourgeoisie nur eine Methode, die Wohnungsfrage in ihrer Art zu lösen – das heißt, sie so zu lösen, dass die Lösung die Frage immer wieder von neuem erzeugt.«
Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage (1872)
Der französische Soziologe Henri Lefebvre forderte bereits in den 1960er Jahren mit seinem Konzept des „Rechts auf Stadt“, dass die Stadt nicht länger dem Kapital gehören dürfe, sondern denen, die in ihr leben, arbeiten und sie täglich herstellen. Die Wohnungsfrage ist damit auch eine Frage von Macht und Regulierung: wem die Stadt gehört, welche Interessen in der Stadtpolitik das Sagen haben und wer systematisch verdrängt wird, wenn Mieten steigen und Sozialwohnungen verschwinden. Frankfurt ist dabei kein Sonderfall, sondern Paradebeispiel: eine der teuersten Städte Deutschlands, mit einem Finanzsektor, der Immobilien seit Jahrzehnten als Spekulationsobjekt behandelt, und mit einer Stadtpolitik, die dem nur wenig entgegensetzt. Auch auf Bundesebene bleibt der soziale Wohnungsbau seit Jahren unterfinanziert, während Milliarden für Aufrüstung mobilisiert werden. Die Frage, wo und wie Menschen leben können, wird damit immer drängender.
Für die Sommerausgabe 2026 der AStA-Zeitung suchen wir Beiträge, die sich mit dem Thema Wohnen auseinandersetzen – aus studentischer, aber nicht nur studentischer Perspektive. Uns interessieren Reportagen und Erfahrungsberichte genauso wie politische Analysen, historische Rückblicke, Interviews mit Aktivist*innen, Mieter*innen oder Stadtplaner*innen, essayistische Texte und kreative Arbeiten. Mögliche Fragen, die euch dabei leiten können: Wie erleben Menschen in Frankfurt die Wohnungssuche – und was sagt das über die Stadt aus? Welche Rolle spielen institutionelle Investor*innen, Immobilienkonzerne und kommunale Wohnungspolitik? Was fordern Mieter*innenbewegungen – in Frankfurt, in Deutschland, international? Wie hängen Verdrängung, Gentrifizierung und soziale Ungleichheit zusammen? Was bedeutet Wohnungsnot für diejenigen, die ohnehin weniger Ressourcen haben – für Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, für Alleinerziehende, für Geringverdienende? Und: Wie könnte eine Stadt aussehen, in der alle wohnen können?
»Um dieser Wohnungsnot ein Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel: die Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Klasse durch die herrschende Klasse überhaupt zu beseitigen.«
Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage (1872)
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