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David Schommer

Autonome Tutorien

Auch wenn sich die Autonomen Tutorien am Turm – sowohl in Bezug auf diejenigen, die eines anbieten wollen, als auch bezüglich der Teilnehmenden – offenbar wachsender Beliebtheit erfreuen, haben mit Sicherheit noch nicht alle von ihrer Existenz, geschweige denn von dem dahinter stehenden Konzept etwas mitbekommen. Daher soll an dieser Stelle versucht werden, diese eigentümliche Veranstaltungsform weiter bekannt zu machen.

Kritisches Denken braucht Zeit und Raum

„Die unbedingte Universität hat ihren Ort nicht zwangsläufig, nicht ausschließlich innerhalb der Mauern dessen, was man heute Universität nennt. Sie wird nicht notwendig, nicht ausschließlich, nicht exemplarisch durch die Gestalt des Professors vertreten. Sie findet statt, sie sucht ihre Stätte, wo immer diese Unbedingtheit sich ankündigen mag.“

[Jacques Derrida]

Wenn es für ein Studium mit kritischem Anspruch ohnehin unverzichtbar ist, sich jenseits der offiziellen Lehrveranstaltungen und den stummen Stunden in der Bibliothek in Diskussionen und Kontroversen mit dem Stoff des Studiums zu beschäftigen, so ist dies in Zeiten unterfinanzierter Universitäten und überfüllter Lehrveranstaltungen umso mehr geboten. Die Autonomen Tutorien sind in diesem Sinne, neben anderen (studentischen) Projekten wie etwa Lesekreisen, eine notwendige Ergänzung des gegebenen Lehrplans. Hier können Studierende in relativ kleiner Runde Fähigkeiten im Diskutieren, reflektierten Argumentieren und wissenschaftlichen Arbeiten (weiter) entwickeln. Dies geschieht ohne unmittelbaren Konkurrenz-, Leistungs- und Zeitdruck, die „Beaufsichtigung“ durch Professor_innen und die oftmals einschüchternde Wirkung ihres (vermeintlich) enormen Wissensvorsprungs. Da die Themen der Autonomen Tutorien unabhängig von einer Veranstaltung und deren Seminarplan gewählt und bearbeitet werden können, bieten sie einen Rahmen für eine Auseinandersetzung mit anderen Forschungsrichtungen und anderen Theorieansätzen. Deshalb sind in diesem Rahmen auch andere Perspektiven auf kanonisierte sozialwissenschaftliche Problemstellungen als in regulären Veranstaltungen möglich. Zudem eignen sich die Autonomen Tutorien zur Auseinandersetzung mit einer möglichen eigenen (sub)kulturellen Praxis. Ihre Planung und Durchführung erfolgt idealerweise sowohl in inhaltlicher als auch in terminlicher Hinsicht flexibel durch die Tutor_innen, die sich meist im Hauptstudium befinden, in Zusammenarbeit mit den Teilnehmer_innen, die von Erstis bis hin zu Langzeitstudis reichen können. Überdies ist es ausdrücklich erwünscht, die Autonomen Tutorien auch für eine Reflektion von Diskussionsdynamiken und Redeverhalten zu nutzen (und zwar mit einer gänzlich anderen Zielorientierung als in Rhetorikseminaren im Rahmen von Karriereaufbautrainingsprogrammen). Momentan gibt es an den Fachbereich 03 acht und am Fachbereich 04 zehn Stellen für Autonome Tutorien, die wie studentische Hilfskraftjobs bezahlt werden. In der Regel werden jedoch noch weitere Tutorien durch unentgeltliches Engagement angeboten. Die Möglichkeit für institutionalisierte, bezahlte Tutorien gab es jedoch nicht immer.

Uni war…

Erste Hinweise auf (institutionalisierte) Autonome Tutorien am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften finden sich im Vorlesungsverzeichnis für das Wintersemester 1994/95. Der konsequenteste, der Verfasserin bekannte Langzeitstudent meint jedoch, sich zu erinnern, dass es solche Veranstaltungen bereits Ende der Siebziger gegeben habe, als er an die Uni Frankfurt kam. Die Vermutung liegt nahe, dass solche selbstorganisierten Veranstaltungen mit antiautoritärem Anspruch mit der 68erBewegung in den Unialltag (einiger) Einzug hielten. Ob die Schaffung bezahlter Stellen auch schon auf diese Zeit zurückgeht und von wem sie erwirkt wurde, war bislang leider nicht rauszukriegen.

Bis zum Sommersemester 2007 gab es am Fachbereich 03 drei bezahlte Autonome Tutorien. Im Zuge der Einführung allgemeiner Studiengebühren in Hessen zum Wintersemester 2007/08 wurden auch die aktiven Fachschaften (FS) am Turm nach Vorschlägen für eine aus studentischer Sicht sinnvolle Verwendung der „Studienbeiträge“ am jeweiligen Fachbereich gefragt. Die aktive FS 03 erstellte also eine Liste von Forderungen – natürlich mit der vorangestellten Betonung, dass man Studiengebühren grundsätzlich ablehne und (nicht zuletzt für die Realisierung der gemachten Vorschläge) eine deutliche Erhöhung der Landesmittel für notwendig erachte. Zentral war dabei die Forderung nach einer Erhöhung der Autonomen Tutorien-Stellen von drei auf acht, was angesichts der für gewöhnlich minimalen Einflussmöglichkeiten geradezu wahnwitzig erschien. Zur großen Überraschung der FS selbst wurde dies aber prompt und ohne große Diskussionen realisiert.

Am Fachbereich 04 gab es bis zum Wintersemester 2007/08 lediglich vereinzelte Studierende, die auf Eigeninitiative ein Tutorium anboten. Auf Anregung der Fachschaft und ebenfalls nicht ohne Einfluss durch die plötzlich reichlich vorhandenen (Studiengebühren-)Gelder, wurden dann im Sommersemester 2008 zehn Stellen für so genannte Studentische Arbeitsgruppen 1 eingerichtet, die in diesem Semester erstmals komplett ausgefüllt werden. Es besteht also die berechtigte Hoffnung, dass sich diese Form der selbstorganisierten Universität nun auch am Fb 04 wieder institutionalisiert.

…ist…

Es lässt sich festhalten, dass in einer Hochphase der neoliberalen Umstrukturierung der Uni, in der sich die Bedingungen für ein kritisches Studium – im Zuge der Einführung neuer bzw. modularisierter, extrem zeit- und nervenaufwendiger und auf bloßen Schein-Erfolg abzielender Studiengänge – weiter verschlechterten, eine Art Zeitfenster genutzt werden konnte: Einmal mehr wurden die Studierenden nach einer bereits „von oben“ erfolgten Entscheidung in deren Umsetzung mittels eines ihnen zugestandenen Vorschlagsrechts [≠Stimmrecht!] „eingebunden“. Diesmal gelang es jedoch, auf dieser alibi-demokratischen Verfahrensstufe tatsächlich etwas zu erreichen, das der Logik der beschlossenen Maßnahme auch noch gänzlich zuwiderläuft: Eine gewisse institutionelle Absicherung einer Veranstaltungsform, der ein Verständnis von Bildung zugrunde liegt, das diese als kritische Auseinandersetzung mit Wissenschaft begreift – und nicht als deren bloße Reproduktion bzw. deren bloßen Konsum.

…und bleibt, was Ihr draus macht!?

Dies erscheint jedoch gar nicht mehr so widersprüchlich, wenn man bei aller Selbstbeweihräucherung nicht außer Acht lässt, dass die schließlich „unbezahlte“ Teilnahme an einem Autonomen Tutorium (trotz und wegen all der Vorzüge gegenüber regulären Veranstaltungen) Zeit und Nerven kostet, die vor allem Bachelorstudis nicht gerade in Hülle und Fülle zur Verfügung steht. So ist zu befürchten, dass sich das Problem der Irritation des reibungslosen Ablaufs des Unialltags, die durch den kritischen Anspruch Autonomer Tutorien idealerweise gefördert wird, spätestens mit dem Auslaufen der alten Studiengänge von selbst erledigen wird. Es gilt also, neben den bezüglich der Studiengestaltung gesetzten Prioritäten eigene zu entwickeln und zu verteidigen, Autonome Tutorien, Lesekreise und jegliche selbstorganisierte Formen der Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis – wenn auch unter Berücksichtigung aller Widrigkeiten, so doch ihnen zum Trotz – zu praktizieren und dabei stets die kurz- und langfristige Entwicklung der Möglichkeitsbedingungen kritischen Denkens im Blick zu behalten.

1 Am Fachbereich 04 dürfen diese Veranstaltungsform nicht offiziell mit „Autonomen Tutorien“ bezeichnet werden, da sie sonst nicht finanziert werden können.

Aktuelles Verzeichnis aller Autonomen Tutorien

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